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Moreno Gletscher...ohne 'Big Bang'Der Durchbruch des Morenogletschers bleibt seit Jahren aus, eine Folge der weltweiten Erwärmung? Die größte Inlandeismasse der Welt außerhalb der Polkappen befindet sich im Süden Patagoniens und hat eine maximale Nordsüd-Ausdehnung von über 300 km. Der an sich schon gigantische Morenogletscher ist eigentlich nur eine von vielen ebenso großen Gletscherzungen, die in einen der drei großen Seen im Osten der patagonischen Andenausläufer oder in den Pazifik fließen. Eine Besonderheit hat er allerdings zu bieten und zieht damit die meisten sensationshungrigen Touristen an: Während alle anderen Gletscher sich brav in ihrem über Jahrmillionen gegrabenen Bett vor und zurück bewegen, hat dieser sich entschlossen, quer zu einem der zahlreichen Arme des Lago Argentino den Berg herunter zu gleiten und diesen in regelmäßigen Abständen abzuriegeln. Das führt zu einem erheblichen Anstieg des Wassers im Brazo Rico (Rico-Arm). Etwa alle vier Jahre hat das Eis dem Druck nicht mehr standgehalten und mit einer gewaltigen Explosion dem Wasser den Weg freigegeben, was zu zerstörerischen Flutwellen im Lago Argentino geführt hat.Die Fließgeschwindigkeit des Gletschers beträgt etwa zwei Kilometer pro Tag. Obwohl die 80m hohe und 3km lange Eisfront in der Mitte nur wenige Meter Abstand zum gegenüberliegenden Ufer hat, bleibt das Ereignis seit 1988 aus. An das sensible Umweltgewissen der um die Welt jettenden Touristen rühren zahlreiche Reiseführer und andere Publikationen und schreiben das Ausbleiben der Sensation der globalen Erwärmung zu. Auch ohne "Big Bang" ist der Gletscher jedoch eine Reise wert. Er ist immer noch einer der wenigen wachsenden Gletscher der Welt. Aufgrund der einfachen Beobachtungsmöglichkeit vom Seeufer aus ist er Bestandteil jeder Patagonien-Rundreise. Etwa jede Minute brechen große Eismassen unter Getöse von der Front ab und versinken donnernd und wellenschlagend im See. Das ist nicht ganz ungefährlich. Durch die sich dabei entladenden Spannungen können einzelne Brocken kilometerweit durch die Luft fliegen. Durch solche Eisbomben sind leider 32 Menschen von 1968 bis 1988 ums Leben gekommen. Seitdem hält die Nationalparkverwaltung die Besucher durch Geländer und Warnschilder in gebührlich Abstand zu den Naturgewalten. Im boomenden Touristenort El Calafate überbieten sich zahllose Gesellschaften mit Sonderangeboten für Touren zum Morenogletscher. Wir entscheiden uns für eine von der Jugendherberge organisierten Tagesfahrt (Tel. 02902-491243, es gibt auch komfortable Doppelzimmer mit eigenem Bad). Diese wird unter vorgehaltener Hand als der Geheimtip gehandelt. Uns fehlt der Vergleich, aber wir werden nicht enttäuscht. Unser Führer heißt Diego Batllosera. Er hat Biologie studiert und sich zum Park-Guide weiterqualifiziert. Seine Begeisterung wirkt echt, immerhin ist er gebürtiger Patagonier. Die Fahrt beginnt frühmorgens um 7 Uhr. Damit haben wir die Chance, vor dem Hauptansturm am Gletscher zu sein. Auf der 4-stündigen Fahrt wird spontan oft gehalten. Diego sieht Adler am Straßenrand und läßt den Fahrer anhalten. Auf der Piste liegt ein totes Schaf oder das, was die Adler davon übriggelassen haben. Hier sehen wir die erste Veränderung in der Natur, die der Mensch, speziell in diesem Fall der Tourismus, bewirkt hat. Die Adler jagen nicht mehr. Sie setzen sich an den Straßenrand und warten darauf, daß ein Tier überfahren wird. Und die Schafe fressen Patagonien kahl, sagt Diego. Das ist die eigentliche Umweltkatastrophe, nicht das Ausbleiben des Gletscherstaus. Wir fragen Diego, ob er darin ein Zeichen des globalen Klimawandels sieht. Nein, sagt er. Klimawechsel ziehen sich über viel größere Zeiträume hin. Was die meisten Reisebücher verschweigen ist, daß der Gletscher seinen Rhythmus nur vier Perioden lang eingehalten hat, nämlich von 1976 bis 1988, davor gab es immer mal wieder Pausen. Bei der ersten Messung 1903 hatte das Eis sogar einen Abstand von 750m zum Ufer. Der erste Kontakt trat 1917 auf. Danach zog sich das Eis ohne Explosion wieder um 150m zurück, um erst 1934/35 mit dem Stau zu beginnen, was 1942 zum ersten bekannten Durchbruch geführt hat. Den höchsten Stau hat es übrigens 1966 mit stattlichen 32m Höhe gegeben. Wir nähern uns langsam zu Fuß dem Gletscher, sehen ihn aus verschiedenen Perspektiven und fahren nicht einfach zum Parkplatz, um dann wieder dort abgeholt zu werden. Diego zeigt uns Andenkondore, die am Himmel kreisen. Irgendwo muß gerade ein Tier am Verenden sein. Erfreulicher ist da die Begegnung mit einem Magellanspecht. Er ähnelt unserem Buntspecht, ist jedoch größer und hat einen auffallenden feuerroten Federschopf. Diego zeigt uns Orchideen. Die Früchte des Calafatestrauches ähneln unseren Blaubeeren. Angeblich kommt jeder irgendwann zurück nach El Calafate, der von ihnen ißt. Auch um die Frage nach der faszinierenden hell- bis tiefblauen Farbe des Gletschereises bleibt Diego keine Antwort schuldig. Durch den enormen Druck nimmt das Verhältnis von Wasserstoff- zu Sauerstoffionen im Eis zugunsten des Wasserstoffes zu, was das Lichtabsorptionsverhalten des Eises derart beeinflußt. Über dem Gletscher hängt tief eine Nebelwolke, aus der es ab und zu nieselt und graupelt. Das ist eben Patagonien. Die Feuchtigkeitsgesättigten Seewinde kühlen über den Bergen ab und alles Wasser geht in Form von Schnee nieder, wodurch sich die riesigen Gletschermassen bilden. Wenn der Wind östlich der Anden in die Ebenen herabsinkt, erwärmt er sich und wird knochentrocken. Man sieht die scharf gezogene Klimagrenze auf der Rückfahrt wenige Kilometer hinter dem Gletscher, wo die feuchten Südbuchenwälder schlagartig aufhören und die unendliche patagonische Steppe wieder beginnt. Wir kommen müde nach einem erlebnisreichen Tag zurück in das unerträgliche El Calafate und sind ein Stück an Erfahrung reicher. © Thomas Pfeffer
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